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21 Jan 2008
Wenn man an Fanta denkt, denkt man an ein flüssiges, neon-orangenes Zuckergemisch, welches, mit etwas Kohlensäure versetzt, Geschmacksbehindertenverwirrten die Illusion von Orangensaft vermitteln soll.

In Thailand bekommt Fanta-Trinken eine ganz neue, abenteuerliche Dimension. Insgesamt gibt es auf der Welt angeblich 115 Geschmacksrichtungen von Fanta. Bisher habe ich hier nur 8 Sorten angetroffen, darunter rote, grüne, violette, und die allgegenwärtige orangene Fanta.

Was hat das alles mit Transgender zu tun? Ich bin ein Fan von Metaphern, und habe schon ziemlich viele Leute mit meinem Hang für schlechte Analogien in den Wahnsinn getrieben. Aber hier zur Auflösung:



Fanta ist bunt.

Gender ist noch bunter.

Das ist kein politisches Statement. Das ist eine Tatsache. Menschen beziehen notgedrungen ihre Assoziationskraft aus dem, was ihnen bekannt und gewohnt ist. Variationen werden zwar wahrgenommen, jedoch als “Abweichung” oder geschmackliches Experiment vom Ausgangsprodukt angesehen.

Nun mag es für Fanta zutreffen, dass die handelsübliche orangene Sorte absatzstärker ist, weil Menschen sich an diese eine Geschmacksrichtung gewöhnt hatten. Doch müssen wir alle nur orange bevorzugen? Was ist, wenn jemand rote Fanta ist? Oder grüne? Oder violette?

Wer sagt, dass eine neue Geschmacksrichtung diese ganze Machinerie nicht durchbrechen kann, und dadurch den Weg für ein NEUES handelsübliches Getränk ebnet?

SPRITE war bis in den späten 1960ern in Deutschland als “Fanta klare Zitrone” bekannt. Nach einem geschmacklichen Siegeszug durch die USA wurde diese Variation von Fanta zu einer eigenen Marke. Die Menschen auf der Welt mussten ihr Assoziationsvermögen für Soft-Drinks um eine weitere Marke erweitern, die nicht mehr bloß als Abweichung eines Originals angesehen werden wollte.

Natürlich ist die Auffassung von Gender nicht so einfach zu verändern und zu expandieren wie die eines Soft-Drinks, jedoch kann die Art und Weise, in der ein neues Konzept aufgenommen wird, das Denken und Handeln von Menschen nachhaltig verändern.

Wir erweitern dadurch nicht nur unseren Horizont, vielmehr sehen wir darüber und entdecken, dass die Grenzen von uns selbst gezogen worden sind und allein von uns aufgehoben werden können.
09 Jan 2008

Ich saß auf der Veranda und bewunderte mein linkes Bein, welches vor ein paar Tagen Opfer einer Ameisenattacke wurde und jetzt faszinierende Grade von Hautausschlag aufweist. Es dämmerte. Ein Geräusch im Halbdunklem lenkte meinen Blick aufs Dach. Im gleichen Moment schossen die fantastischten Gedanken durch meinen Kopf. Die Schlagzeile “Unbescholtener Dorfbewohner von herabfallender Schlange gebissen” schwebte vor meinen Augen und ich konnte mein Bild neben der Titelstory sehen.

Sollte ich mich bewegen oder sollte ich regungslos sitzen bleiben?

Als ich die Optionen in meinem Kopf abwägte, bemerkte ich eine weitere Bewegung. Es war nun zweifellos ein Kopf zu sehen. Es war zweifellos ein Tier. Es hatte zweifellos Beine. Und Schlangen haben zweifellos keine Beine.

Ich war erleichtert.

Es stellte sich heraus, dass es ein Tokeh Gecko war, der seinen abendlichen Aktivitäten nachging. Der Gecko mußte gespürt haben, dass ich seine Bewegungen verfolgte, denn er bewegte sich nicht mehr. Tokeh Geckos sind in Thailand weit verbreitet. Die meisten, die ich bisher gesehen habe, werden bis zu 30cm lang und machen sich durch ihre “TOKEH, TOKEH” Balzrufe bemerkbar.

Ich stand auf und versuchte ins Haus zu schleichen um meine Digitalkamera zu holen. Meine Kurzsichtigkeit und die Dunkelheit ergänzten sich wie immer wunderbar und ich lief auf dem Weg zum Lichtschalter gegen diverse Objekte. Vom Lärm und meinen hektischen Bewegungen scheinbar unbeeindruckt, fand ich den Gecko auf dem selben Fleck wieder.

Ich betrachtete die Fotos auf dem kleinen LCD-Bildschirm und stellte fest, dass es nicht ein Tokeh Gecko war, der aus dem Dach gekrochen kam - es war eine ganze Tokeh Gecko Familie, die sich auf einen abendlichen Familienausflug vorzubereiten schien.


17 Dec 2007
Hin und wieder zieht es mich in die Leere der Großstadt.

Gewiss ist Bangkok nicht menschenleer. Gewiss habe ich genügend Verwandte in der Stadt, die mich gerne für ein paar Tage bei sich aufgenommen hätten. Gewiss hätte mich die thailändische Gastfreundlichkeit innerhalb kürzester Zeit erdrückt.

Ich habe die Gesellschaft meiner IKEA Fingerpuppen vorgezogen, denn ich war auf einer Mission. Die Mission hieß: so asozial und unbemerkt wie möglich durch Menschenmassen und Lärm zu wandeln um mich ungeniert in Melancholie suhlen zu können. Schön. Meiner No-Na-Ned-Logik zufolge muss man zuerst leer sein, um sich wieder mit neuer Energie füllen zu können. Für diesen Zweck eignen sich besonders Übernachtungen in großen sterilen Hotelzimmern, denn es stehen immer zwei Becher im Badezimmer - auch wenn man nur einen braucht, weil man alleine reist, alleine isst, und sich alleine die Zähne putzt.

Ich blickte auf meine Notizen.

Autos, rastlose Ameisen aus Aluminium, laufen die Straßen hinauf und hinunter. Sie kehren in ihr Nest zurück. Es dämmert. Plastiktannen, dekoriert mit rhythmisch leuchtendem Weihnachtsschmuck, ragen auf den Dächern der Einkaufshäuser, die Tempeln einer neuen Religion, die den Namen Massenkonsum trägt.

Wer sich denkt, in Thailand würde man dem ganzen Weihnachtsstress entkommen, der irrt. Gewaltig. Ich trat in die heiligen Hallen des MBK-Shoppingcenters um mir im Foodcourt ein Abendessen zu gönnen. Was ich vorfand waren riesige Weihnachtsmänner aus Plastik, die zu nervtötenden Jingles in Endlosschleife ihre Hüften kreisten. “HO HO HO” tönte es aus den Lautsprechern, die so laut eingestellt waren, dass ich mir für einen Moment gedacht hatte, die Stimmen wären in meinem Kopf - gut, so was denke ich mir des öfteren, aber dieses Mal war es extrem. Die Klimaanlage war anscheinend genauso auf weihnachtliche Temperaturen abgestimmt und mein Biosystem musste sich innerhalb weniger Minuten akklimatisieren. Ich schlürfte eine pikante Suppe um meinen Kreislauf wieder zu animieren - und wie mein Kreislauf reanimiert wurde. Meine Zunge hatte dafür jeglichen Geschmackssinn verloren.

Nach dem Abendessen kehrte ich zurück ins Hotel, mit rasenden Kopfschmerzen, die wohl den Zutaten der pikanten Suppe zuzurechnen waren. Eine Dusche, so wohltuend wie noch nie, spülte alle Schmutzpartikel von meiner Haut. Nach der erfrischenden Katharsis legte ich mich ins endlos große, mit sterilen weißen Laken bezogene Bett. Für ein paar Minuten blieb ich mit ausgestreckten Armen liegen und strich über die glatte Oberfläche des Bettüberzugs. Es war dunkel geworden im Zimmer und die Gardinen, die ich zuvor zur Seite geschoben hatte, enthüllten eine Stadt, die gerade zum Leben erwachte. Ich zählte die Fenster, in denen noch Licht brannte. Eins, zwei, drei … mehr und mehr glitt ich in den Schlaf ab.

Impressionen, Leben, Lärm und Dreck. Damit meine ich nicht die augenscheinliche Verschmutzung, die in jeder Großstadt dieser Welt zu finden ist. Ich meine alles andere, das in der Luft hängt: die Erwartungen, die Enttäuschungen, das Leben und Überleben in so einer Stadt. Es scheint, als würde die Hitze all die unausgesprochenen Gedanken der Stadt durch die Poren ihrer Einwohner drücken. Und es scheint, als würde ich zum ersten Mal sehen, was eine Großstadt lebendig macht.

Ein Blick aus dem Nest



MBK Shoppingcenter bei Nacht



Ich in Bangkok



Chatuchak Park


10 Dec 2007
Die pralle Mittagssonne klopfte auf meine Stirn. Der Zug hatte nun 1 Stunde Verspätung. Die ÖBB ist eindeutig Kinderfasching dagegen. Ich umklammerte mein Plastiksackerl, in dem sich Mittagessen und Erfrischungsgetränke befanden, und versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, jetzt in Unterwäsche im winterlichen Sibirien zu stehen.

Der Zug fuhr ein. Ich schwang mich hinauf und machte meinen Weg durch die überfüllten Waggons. Die hölzernen Sitze waren noch gut erhalten und auch die Ventilatoren ratterten fröhlich vor sich hin. Ich war nun im vordersten Waggon angekommen und sah, dass hier vor allem Mönche Platz genommen hatten.



Etwas unbeholfen setzte ich mich neben eine Famile mit zwei Kindern. Dank fehlender Fenster machte die Zugluft die Hitze im Abteil etwas erträglicher. Undefinierbare Luftpartikel und Insekten flogen mir - im wahrsten Sinne des Wortes - um die Ohren. Als ich meine Kamera herauskramte, wurde ich der Anziehungspunkt für meine kleinen neugierigen Sitznachbarn. Meine IKEA Fingerpuppen fanden weitere Verwendung und ein Stoffelefant wurde zur Adoption freigegeben. Während den Stationsaufenthalten boten Händler diverse Nahrungsmittel (von Kartoffelchips bis getrockneten Tintenfisch in Chilisauce) und Getränke an. Die Landschaft wechselte von sanften grünen Hügeln zu endlos weit erscheinenden Reisfeldern. Nach 4 Stunden Fahrt näherten wir uns Bangkok. Reisfelder wurden nun durch Wellblechhütten und Müllhalden abgelöst. Leicht dehydriert und schwer orientierungslos wankelte ich aus dem Hauptbahnhof in die Arme Bangkoks.

Sitznachbarn mit IKEA Fingerpuppe



Mönch mit Ipod



Wellblechhütten