30 Oct 2007
Seit Tagen steht mein Gepäck im Schlafzimmer und wartet auf mich. Eingepackt wurde das, was herumlag, nicht an- oder zusammengeschraubt war und unnötig Platz im Zimmer einnahm. Immerhin hab ich 30kg Freigepäck, warum sollte ich das nicht sinnlos nutzen? Wie ich mich kenne, werde ich die meisten mitgenommenen Kleidungsstücke nicht anziehen, was ich jedoch mit zehn IKEA-Fingerpuppen in Thailand anfangen will, ist zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mir selbst klar.
Aber im Haus meiner Eltern ist eindeutig mehr Platz als in meiner Eremitenhöhle in Favoriten. Man könnte das, was ich mache, auch globale Umdisposition von überflüssiger Konsummaterie nennen.Vermissen werde ich so einiges und so einige. Die Spaziergänge in der Stadt, den Kaffee, das trinkbare Leitungswasser, den Luftballonmann am Stephansplatz. Wien hat so viele Qualitäten, die kläglich von den Ureinwohnern übersehen und für selbstverständlich genommen werden. Und doch kann ich es kaum abwarten ins Flugzeug zu steigen, auf die Donaumetropole hinabzuschaun und zum Abschied zu winken. Unsere Beziehung dauerte schon zu lange - Wien, du bist zwar schön, aber du fadisierst mich. Jeden Tag aufzuwachen, den Vorhang zur Seite zu schieben und von der gelb-orangenen Fassade des Nachbargebäudes begrüßt zu werden geht einfach nur bedingt für längere Zeit gut.
Wir brauchen eine Pause voneinander.

Man kann sich lange etwas vormachen. Gründe vorschieben, Zeit nachschieben, Inkompatibilität zur Seite schieben. Wie in jeder Beziehung geht die Schieberei nur so lange gut, bis es nicht mehr genügt oder es zu viel wird. Und ich schwanke noch immer zwischen “zu wenig” und “zu viel”. Komisch eigentlich, dass man zur gleichen Zeit gelangweilt und überfordert sein kann.
Das Leben in Wien ist angenehm. Mein Leben, wie es jetzt ist, ist angenehm. Spätestens, wenn man diesen Satz 10 Mal am Tag im Inneren vor sich selbst hersagen muss, um seine eigene Existenz rechtzufertigen, weiß man, dass das eigene Leben nicht so angenehm sein kann.Und wie so oft, stehe ich da und lächle. Deswegen werde ich den Luftballonmann vermissen. Ich glaube, er mag seine Mitmenschen, aber ich glaube auch, dass er müde ist. Jeden Tag aufstehen um sich zu schminken, sich das Kostüm zurecht zu legen, sich Luftballons auf den Kopf zu setzen um dann stundenlang auf dem Stephansplatz zu stehen um Fremde anzulächeln, das macht müde. Kaum vorstellbar, dass es Leute gibt, die das nicht als Erwerbstätigkeit ausüben, sondern so leben. So gesehen, hat der Luftballonmann doch mehr Glück als viele andere Menschen, denn er geht nach Haus und kann sich abschminken.

Es überfordert mich. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, dass es nur mir so geht. Dieses Aufstehen und sich kostümieren, schminken und lächeln. Der Unterschied liegt in der Motivation, die immer mehr schwindet.